Kann man trotz Impfung die Krankheit bekommen?

Keine Impfung schützt zu 100%, doch sie kann die Erkrankungswahrscheinlichkeit erheblich senken. Immer wieder wird davon berichtet, dass Personen trotz Impfung an einer Krankheit erkrankt sind, gegen die sie eigentlich geimpft wurden. Für viele ist das bereits der Beweis, dass Impfungen nicht wirken oder unnötig sind. Für den Großteil dieser unter dem Strich eher seltenen Fälle gibt es allerdings plausible Erklärungen: vom Impfversagen über eine fehlerhafte Verabreichung bis zur Nichteinhaltung empfohlener Schemata oder Auffrischungen.

 

Eine Erklärung ist das sogenannte „Impfversagen“ (non-/low-responsiveness). Dieses Phänomen betrifft ca. 1-10% aller Impfungen, wobei die Impfung gegen Hepatitis B am häufigsten betroffen ist.

Das Impfversagen der Hepatitis-B-Impfung ist relativ gut erforscht: Es konnte gezeigt werden, dass die genetische Grundausstattung des Menschen (allen voran die humanen Leukozytenantigene, kurz HLA) einen erheblichen Einfluss darauf hat, wie effektiv das Immunsystem auf ein Antigen reagiert. Bei der Impfung gegen Hepatitis B scheinen die enthaltenen Antigene dem Immunsystem nicht passend präsentiert werden zu können. Dadurch fällt die Immunantwort schwächer aus bzw. es entsteht keine Immunantwort.

 

Bei dem Impfversagen der Pneumokokken-Impfung deutet vieles darauf hin, dass eine bereits stattgefundene Besiedelung mit anderen Pneumokokken-Stämmen die Bildung einer passenden Immunantwort stört.

 

Weitere Gründe für ein Impfversagen können aber auch eine fehlerhafte Lagerung, Fehler bei der Verabreichung, noch vorhandene mütterliche Antikörper oder aber auch nachlassende Immunität im Laufe der Zeit sein.

 

Neben der Notwendigkeit, die Grundimmunisierung nach einem gewissen Schema durchzuführen, um einen optimalen Schutz zu erreichen, ist es zudem wichtig, regelmäßig Auffrischungsimpfungen durchzuführen. Beispielsweise hält der Impfschutz gegen den Keuchhusten-Erreger Bordetella pertussis nur etwa 3-5 Jahre. Aufgefrischt wird die Pertussis-Impfung allerdings als Kombinationsimpfstoff nur alle 10 Jahre, da ein Einzelimpfstoff gegen Pertussis nicht zur Verfügung steht. Dieser Umstand und das Problem, dass die Impfung generell leider nicht so wirksam ist wie andere Impfstoffe, führt dazu, dass immer wieder geimpfte Personen an Keuchhusten erkranken.

 

Nach einer Impfung dauert es durchschnittlich etwa 2 Wochen bis ein Schutz aufgebaut wurde und ausreichend schützende Antikörper gebildet werden konnten. Erfolgt jedoch noch vorher oder während dieser Zeitspanne eine Infektion, so kann es sein, dass die durchgeführte Impfung noch nicht gegen den Erreger schützt und man trotzdem erkrankt. Außerdem wird die Wirksamkeit auch dadurch beeinflusst, ob die Impfung vor allen, oder nur vor wenigen (meist aber vor den aggressivsten) Serotypen schützt. Auch das Alter spielt eine Rolle bei der Bildung einer ausreichenden Immunantwort. Im Laufe unseres Lebens altert auch unser Immunsystem und arbeitet weniger effektiv. Diese sogenannte Immunseneszenz schränkt ebenfalls die Wirksamkeit von Impfungen ein.

 

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