Erfahrungsbericht von Nathalie

Ich habe mich während meiner ersten Schwangerschaft zum ersten Mal mit dem Thema Impfungen beschäftigt. Vorher habe ich mir nie Gedanken dazu gemacht. Ich habe mich einfach impfen lassen, wenn mal bei einem Arztbesuch erwähnt wurde, dass mal wieder eine Auffrischung nötig wäre und sonst absolut nicht an dieses Thema gedacht.

Das änderte sich während meiner Schwangerschaft, aber eher unabsichtlich. Ich fing an, viele Dinge rund um das Themengebiet "Baby und Kind" zu hinterfragen, da ich bei meinen Kindern einiges anders machen wollte, als ich es aus meiner eigenen Kindheit noch kannte. Ich bin dann auf Internetseiten und Foren zu den Themen Attachment Parenting/ bedürfnisorientierter Umgang hängengeblieben. Das war genau das, was ich gesucht habe, vieles dort hat mich sehr angesprochen. Das Thema Impfen war bis dahin immer noch nicht relevant für mich.

 

Das änderte sich nun. Ich las immer mehr von Menschen, die den Umgang mit ihren Kindern genau so lebten, wie ich es mir für meine zukünftigen Kinder wünschte. Dabei bemerkte ich, dass sehr viele, vielleicht die Mehrzahl dieser Menschen, eine ablehnende Haltung gegenüber Impfungen pflegten. Das Thema wurde nun interessant für mich. Ich dachte mir "diese Menschen, die sich so bewusst und reflektiert mit Kinderthemen beschäftigen, werden sicherlich einen guten Grund haben, um gegen Impfungen zu sein". Ich sah mir ihre Links zu Impfgegnerseiten an, und mir eröffnete sich eine ganz neue Welt.

 

Ich versank in diesen Seiten, las alles und schaute Videos. Alles, was ich zum Thema Impfungen zu wissen glaubte (und das war nicht viel), schien falsch zu sein. Ich fühlte mich, als wäre ich auf einen riesigen Wissensschatz gestoßen. Alles klang völlig logisch für mich und war in sich komplett schlüssig. Nach einer Weile stand mein Entschluss fest: Mein Kind wird nicht geimpft!

 

Dabei blieb ich auch noch Monate später, als mein Kind nun längst auf der Welt war. Ich verfolgte Diskussionen zum Thema, las teilweise sogar Links von Impfbefürwortern durch (aber zugegebenermaßen nur oberflächlich), nichts konnte meine Meinung erschüttern. Bis es einmal in einer Diskussion (nicht zum Thema Impfen, sondern allgemein zum Thema Geburt und Baby) um einen "furchtbaren Blog" ging. Die Blogbetreiberin räumte mit so einigen "Wahrheiten" auf, die gerade im Attachment Parenting-Bereich gerne vertreten werden. Auch das Thema Impfungen wurde dort manchmal angesprochen.

 

Dieser Blog war extrem unangenehm für mich. Sie schrieb sehr emotional, hatte allerdings handfeste Belege für alles. Das piekste mich an. Ich wollte für mich selbst widerlegen, was sie so schrieb, ich wollte diesen unangenehmen Stachel, dieses blöde Gefühl loswerden, das ich hatte, seit ich mich auf diesem Blog umgeschaut habe. Ich fing an, Quellen von Impfbefürwortern zu lesen. Zum ersten Mal allerdings wirklich gründlich. Ich wollte die Schwachstellen in ihrer Argumentation finden und ausnutzen. Ich verglich diese Seiten mit Impfgegnerseiten. Und das blöde, unangenehme Gefühl wurde nicht schwächer. Es wurde stärker und bekam einen Namen: Zweifel

Ich bemerkte die Schwachstellen auf Seiten der Impfgegner, nicht der Befürworter. Mir fiel auf, dass der so riesig erscheinende Wissensschatz der Gegner in Wirklichkeit doch viel kleiner war, denn sie schrieben nur voneinander ab. Es handelte sich nicht um Seiten, die völlig unabhängig voneinander recherchiert haben und zu ähnlichen Ergebnissen kamen, sie kopieren einfach nur die Inhalte der anderen Seiten. Das merkte ich daran, dass kleine Fehler wie z.B. falsche Jahreszahlen auf jeder dieser Seiten zu finden sind. Außerdem bemerkte ich, dass die Argumentation der Impfgegner nur dann in sich schlüssig bleibt, wenn man sich ausschließlich auf deren Seiten aufhält, sie keinesfalls hinterfragt und sich nicht mit Informationen außerhalb dieses Kreises konfrontiert. Ein Artikel über angebliche Epidemien in China trotz 99%iger Impfrate ist nur dann in sich schlüssig, wenn man nicht weiß, dass sich diese 99% eben genau nicht auf die Gesamtbevölkerung beziehen, sondern nur auf eine gewisse Bevölkerungsgruppe. Ein Artikel über die Gefahren von Formaldehyd erscheint nur logisch, wenn einem nicht gesagt wird, dass der menschliche Körper selbst bei seinen eigenen Stoffwechselvorgängen Formaldehyd produziert - und das in einer Größenordnung, die astronomisch hoch wirkt im Vergleich zu den winzigen Restspuren in einer Impfung. Ein Artikel über eine Überforderung des Immunsystems durch Mehrfachimpfungen macht nur Angst, wenn einem nicht bewusst wird, dass das Immunsystem eines Babys bei jedem Daumenlutschen mit einer noch größeren Zahl von Erregern klarkommen muss. Und so weiter, und so fort...

 

Ich bin zu diesem Zeitpunkt nicht plötzlich zum Impfbefürworter geworden. Es war ein langsamer, zäher Prozess, ich wollte ja überhaupt nicht meine Meinung ändern. Aber je mehr ich las, desto mehr bröckelte das, was ich vorher für Wissen über Impfungen hielt. Ich musste von immer mehr Glaubenssätzen, die ich für richtig hielt, Abschied nehmen. Nach Monaten intensiver Beschäftigung mit dem Thema führte dann kein Weg mehr daran vorbei: Ich konnte es vor mir selbst nicht mehr rechtfertigen, meine Tochter ungeimpft zu lassen. Ich wollte immer noch nicht impfen, obwohl ich inzwischen nicht mehr glauben konnte, was auf Impfgegnerseiten zu lesen ist. Aber ich hatte trotzdem noch Angst davor. Unter großen Bauchschmerzen vereinbarte ich dann den ersten Termin, um die Impfungen nachholen zu lassen, meine Tochter war da ca. ein Jahr alt. Bei der Impfung passierte dann - rein gar nix! Sie wurde geimpft, war etwas unleidlich danach, aber sonst war nichts weiter los. Sie war immer noch ganz genauso mein Kind wie vorher. Jede weitere Impfung bis dann die Grundimmunisierung abgeschlossen war, fiel mir leichter. Es passierte nie etwas, es war nicht schlimm.

 

Heute kann ich es nicht mehr so richtig fassen, wie es überhaupt dazu kam, dass ich auf diese Impfgegnerseiten so reingefallen bin. Ich halte mich für einen kritischen, hinterfragenden Menschen, aber trotzdem habe ich genau die Impfgegnerseiten nicht hinterfragt, als ich auf sie gestoßen bin. Warum? Ich weiß es selbst nicht genau, vielleicht, weil ich dadurch, dass sie wie eine ganz neue Welt auf mich wirkten, ich einfach nur das Gefühl hatte, jetzt ganz besonders kritisch und wissensdurstig zu sein. Das Unbekannte, Neue, abseits des Mainstream und der ausgetreten Pfade hat mir das Gefühl gegeben, sehr klar und wach zu sein. Ich mache es anders als die meisten anderen, also klar, bin natürlich der hinterfragende, neugierige Typ, nicht die anderen. Ich habe aber einfach nicht bemerkt, dass ich völlig verweigert habe, genau dieses Neue, Unbekannte auch kritisch zu hinterfragen.

 

Ich bereue es, dass meine Tochter so lange ungeimpft geblieben ist, aber zum Glück hatte sie wenigstens keinen Nachteil davon. Sie hat eine der impfbaren Krankheiten bekommen. Meine beiden weiteren Kinder habe ich dann komplett und ohne Verzögerung nach den STIKO-Empfehlungen impfen lassen und es nie bereut. Ich würde jedes Kind wieder genauso impfen lassen, auch zu den empfohlenen Zeiträumen, nicht mehr verspätet.

 

 

 

Nathalie, 34 Jahre aus der Nähe von Berlin