Erfahrungsbericht von Viola

Ich komme aus einer sehr alternativen Familie: meine Mutter und mein Vater waren Spät-68er. Impfen, nein danke. Zucker, nein danke. Sonst vieles, auch nein danke. Ich bin also sehr “öko-mäßig" aufgewachsen. Meine Mama hat mir gesagt, dass sie Impfungen für Schwachsinn halte und die oft mehr schaden als nutzen. So habe ich das auch übernommen und mich nie wieder gefragt, ob das stimmt oder nicht. In meiner Kindheit war ich sehr viel krank. Meine Mama hat Gott sei Dank nicht viel von Homöopathie und Co gehalten, sonst wäre ich vielleicht bereits tot, da ich mehrere schwere Infektionen durchlitten habe. Meine Masern-Erkrankung endete im Krankenhaus, Mumps ging auf meine Nieren über (opportunistische Infektion) - mein Fieber stieg auf über 41 Grad, mein Zustand war so schlecht, dass meine Eltern befürchteten, ich könnte sterben. Mein Kinderarzt war Impfgegner und somit stellte auch nie jemand die Frage, ob meine Mama richtig handelt oder nicht. Eins vorweg: meine Mama bereut heute, nicht mit der Zeit gegangen zu sein und ist jetzt ein Impfbefürworter wie ich.

 

Mit 20 Jahren wurde ich das erste Mal schwanger. Die Mutter des Kindsvaters war eine überzeugte Heilpraktikerin, die ihre Kinder mit Magnet-Resonanz-Therapie, Globuli und Pendeln heilte. Sie glaubte an allen esoterischen Kram, den man sich so vorstellen kann. Somit schlug sie in die selbe Kerbe wie meine Mutter und für mich, uninformierten "noch-fast-Teenager" war ganz klar, dass mein Kind selbstverständlich NICHT geimpft wird. Wieso denn auch? Schließlich standen 2003 sämtliche SIDS-Fälle in direktem Zusammenhang mit Impfen. Genau wie Autismus und Epilepsie. Über die Inhaltsstoffe hatte ich mich nie informiert. Die Geburt sollte, dazu hatte mich meine Schwiegermutter überredet, auch natürlich sein. Obwohl die Ärzte schon früh ein rundes Becken diagnostizierten, welches im Zusammenhang mit einem Babykopf von über 36 cm Umfang als gefährlich angesehen wurde, wollte ich mein Kind natürlich entbinden. Die Geburt lief - wie von den Ärzten befürchtet - total schief, denn das Kind passte nicht wie von der Natur vorgesehen durch den Geburtskanal und folglich beendete ich mit Blessuren mein natürliches Geburtserlebnis. Leider habe ich mich davon nie wieder erholt. Aber eines wusste ich trotzdem ganz genau: Ich wollte meinem Kind auf keinen Fall Vitamin K geben lassen. Das stieß auf massiven ärztlichen Widerstand. Aufgrund der dramatischen Geburt schiss mich der Oberarzt so dermaßen zusammen, dass ich letztendlich zustimmte.

 

Meine Mutterschaft fing also in einem geburtsbedingten Liegegips an und nichts klappte so, wie ich es mir mit meinem “öko-Plan” ausgemalt hatte. Weder Stillen, noch Attachment-Parenting funktionierten. Mein Kind schrie, mein Kind brüllte. Nur! Eine schwierige Zeit folgte. Mein Kind bekam fürchterliche Neugeborenenneurodermitis und Impfen wurde somit lange auch nicht debattiert. Doch irgendwann ließ sich auch dieses Thema nicht ausblenden und als es dann so weit war, erlitt ich fast einen Schock. Der Kinderarzt kam mit Spritzen an und ich sagte direkt und relativ lapidar: “Neeee, J. wird nicht geimpft.” Der Kinderarzt hatte null Verständnis! Völlig überrumpelt ging ich aus der Praxis - denn der Kinderarzt wollte mein Kind nicht weiter behandeln, wenn ich nicht bereit wäre, es impfen zu lassen. Ich war überrascht. Das erste Mal überhaupt in meinem bisherigen Leben stieß ich auf Widerstand gegen das Nicht-Impfen.

 

 

 

Jedoch war ich zunächst trotzig und wechselte den Kinderarzt. Doch auch der nächste Kinderarzt reagierte sehr allergisch auf mein Nicht-Impfen. In einem großen Forum (www.urbia.de) ließ ich meinem Frust freien Lauf. Ich schimpfte auf die blöden Ärzte, die mein Kind vergiften wollten und ob es deren Plan sei, kleine Kinder sterben zu lassen. (Begrifflichkeiten wie "Pharmalobby" etc. kannte ich gar nicht). Mein Misstrauen gegenüber Ärzten hatte dazu geführt, dass ich sogar selbst einer werden wollte. Das Echo kam unerwartet und wie ein Schlag ins Gesicht. Bisher war ich relativ sicher, dass viele Leute nicht so unklug sind, ihre Kinder impfen zu lassen, nur weil sie Angst vor den Krankheiten haben. Ich wurde virtuell gelyncht - fast niemand stand mir zur Seite. Es fielen doch recht harsche Worte, ob ich denn überhaupt wüsste, was ich meinem Kind und vor allen Dingen auch anderen Kindern antäte. Um im Recht zu bleiben, ging ich auf die Suche (damals war das Internetnetzwerk der Impfgegner noch nicht so sehr ausgebaut). Als angehende Biologin kannte ich ein paar überzeugende Seiten (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed) und suchte und suchte und suchte. Ich fand einfach nichts. Ich fand längst widerlegte Studien, ich fand eine Seite, die sich www.whatstheharm.net nennt. Ich fand heraus, dass Impfen den Schrecken aus den frühen Achtzigern, wo zum Teil noch mit Lebendimpfstoff (Kinderlähmung) geimpft wurde, längst verloren hatte und welche Gefahr vom Nicht-Impfen ausging. Die Argumente der Impfgegner im Forum waren so dermaßen an den Haaren herbeigezogen, dass ich noch IN meinem Schimpf-Thread anfing, diese Argumente auseinander zu nehmen (angefangen von "Es gibt keine Viren" bis hin zu "Das ist alles nur Einbildung - Krankheiten sind schlecht verarbeitete Krisen”).

 

Letzten Endes wurde mein Sohn dann mit einem halben Jahr geimpft. Erst nur 3fach. Die zweite 3fach erfolgte dann mit 9 Monaten. Aber ab einem Jahr dann nach STIKO. Er reagierte super auf die Impfungen. Zunächst war damit das Thema für mich gegessen. Ich ließ mich dann 2006 erstmals Impfen. 2009 bekam ich meinen zweiten Sohn, der von Anfang an nach STIKO geimpft wurde.

Ein Jahr später kam ich mit der mittlerweile enorm gewachsenen Impfgegnerlobby in Berührung. Die Freundin meines besten Freundes war militante Impfgegnerin und ich setzte mich wieder mit dem Thema auseinander. Es gab ganze Foren, Netzgruppen und Internetseiten, die Impfschäden aufnahmen und Tatsachen verbreiteten, die falsch waren. Dagegen anzukommen war schwieriger - auch wegen der persönlichen Komponente. Auf die Spitze getrieben wurde das, als die gleiche Freundin mich zur Mücke machte, da ich meine Haustiere nicht impfte (was nicht nötig war, weil sie keine Freigänger waren und Tierimpfungen medizinisch gesehen eine andere Kiste sind). Man merkte einfach wie verblendet man heutzutage sein kann, wenn man Fehlinformationen aufsitzt. Seitdem kämpfe ich in meinem Freundeskreis und in Foren gegen die Lügen der Impfgegner.

Seit 2014 ist es, wie ihr alle wisst ziemlich böse geworden. Mit Krisen, wie der aktuellen Situation im Nahen Osten, kommt auch der Wunsch nach mehr Kontrolle über sein Leben auf. Viele wollen das Leben an sich verändern, um unvorhergesehenen Dingen entgegen stehen zu können, eben mit Kontrolle über Ernährung, Medikation und eben Impfungen. Das kann eine sehr gefährliche Entwicklung sein. Das Nicht-Impfen hat ernstzunehmende Auswirkungen - jetzt schon! Deshalb ist es, genau wie bei dem aktuellen Abdriften nach rechts, wichtig seine Stimme zu erheben und nicht leise zu sein. Aber da es um das Wertvollste einer jeden Mutter geht, ist es mit Vorsicht und kritischem Hinterfragen anzugehen. Ich schaffe es häufig durch kritisches Hinterfragen erste Zweifel zu säen, den Rest müssen die Mütter selber schaffen. Nur was man sich selbst erarbeitet, wirkt nachhaltig.

 

Genau wie bei mir. Damals stand ich - völlig überzeugt davon, dass Impfen unnötig sei - vor einer großen Flut an Information, die mich mit Tatsachen und Fragen erschlug. In der heutigen Zeit, mit Facebook und Co, wird es immer schwieriger, Richtig von Falsch zu unterscheiden. Aber ich versuche aufzuklären und mein fast beendetes Studium hilft mir dabei sehr gut. Auch ich habe stets Angst vor jeder Impfung, denn nach wie vor gilt: Impfen ist kein Zuckerschlecken (zumindest nicht mehr, seit Kinderlähmung als Totimpfstoff verabreicht wird). Impfen ist etwas Unsichtbares, das etwas anderes ebenfalls Unsichtbares im Körper auslöst. Impfen kann auch unerwünschte Nebenwirkungen haben. All das stimmt. Aber es ist kein Vergleich zu dem was passieren kann und wird, wenn nicht langsam die Impffaulheit angegangen wird.

 

Viola, aus Köln